| Ralf Wosik: 1975 mit 16 Jahren Tischtennis zum Beruf |
Eigentlich
wollte er es behalten: das letzte Trikot, das er an jenem Tag im Mai des Jahres
1990 getragen hatte, an dem er mit seinem Verein zum neunten Male Deutscher
Mannschaftsmeister wurde. Doch dem bittenden Blick eines achtjährigen Steppke
konnte Ralf Wosik in Limburg schließlich nicht widerstehen. So streifte
er, inzwischen 44 Jahre alt, das durchgeschwitzte Hemd über den Kopf und
reichte es dem Jungen, der sein Glück kaum fassen konnte. Der Geber freilich
diktierte Minuten später den Journalisten in die Blöcke: "Kein
Spiel im Finale verloren: Einen besseren Abschied kann es doch gar nicht geben".
Einen Abschied nach einer langen Laufbahn, an deren Beginn ein (für deutsche Verhältnisse bis dato: einmaliges) Experiment stand: Abgang von der Schule mit der Mittleren Reife, damals im Jahre 1975, und dies zusammen mit seinem Freund und langjährigen Doppelpartner Hajo Nolten. Beide betrieben fortan Tischtennis als Broterwerb - und waren damit, maßgeblich initiiert durch den späteren Präsidenten des DTTB, Hans Wilhelm Gäb, gewissermaßen die Vorläufer der heutigen Berufsspieler. In einem Interview sagte er, den der frühere Cheftrainer Charles Roesch "einen der ganz Pflichtbewußten" nannte, einmal: "Wir können Gäb nur dankbar sein. Mit seiner Idee aber war er seiner Zeit zu weit voraus. Wir waren bereit zu härtester Arbeit, aber die organisatorischen Probleme waren kaum zu lösen. Für uns selbst standen zwar Mittel bereit, und wir waren auch finanziell ausreichend abgesichert - das Geld für ständige Trainingspartner und vor allem für einen qualifizierten Trainer fehlte aber einfach."
Heute
sind die Voraussetzungen für die Jungtalente wesentlich besser, und so
kommt Wosik, der immerhin als sechster Nationalspieler in den Klub der Hunderter
aufgenommen wurde, zu der Ansicht: "Ich bin eben mindestens zehn Jahre
zu früh geboren." Spricht da ein wenig Frust aus diesen Worten? Der
Mann mit der hellen Strähne im Haar hat eigentlich keinen Grund, wirklich
unzufrieden zu sein. Bei sechs Welt- und sieben Europameisterschaften war er,
ausgestattet mit einer brillanten Physis und einer Vorhand-Rakete, dabei; seinem
Klub verhalf er zum Gewinn des Europapokals und des ETTU-Cup sowie zu vielen
nationalen Titeln; in Europa wurde er auf Position 17 geführt, im DTTB,
zwischen 1982 und 1987, lange als Ranglisten-Erster oder -Zweiter.
"Es gab eine Zeit, da hätte ich für einen Titel alles gegeben": den Titel eines Deutschen Meisters im Herren-Einzel nämlich, den in der Saison 1998/99 ein anderes Mitglied der Familie gewinnen konnte, der 15 Jahre jüngere Bruder Torben Wosik. Der seit langem als Sportartikel-Kaufmann überaus erfolgreiche Familienvater (mit zwei Kindern) scheiterte bei seinen Anläufen zumeist an einem Mann: "Viermal habe ich gegen Georg Böhm im Endspiel verloren, dreimal im Halbfinale."
Eine andere Niederlage, nämlich jene bei den Weltmeisterschaften 1987 in Neu Delhi im Viertelfinale gegen die Schweden, bezeichnet Ralf Wosik noch heute als "einmaliges Erlebnis". Beim 4:5 gegen den späteren WM-Zweiten steuerte er einen Punkt bei - zu einer Medaille aber reichte es auch diesmal nicht. Eine solche gewann jene DTTB-Vertretung bei den Euros vor 22 Jahren in Bern - doch da gehörte er nicht zum Team und kam erst in den Individualwettbewerben zum Einsatz: "Damals habe ich mir gesagt: Das passiert dir nie wieder, dass du eine Woche auf der Bank sitzen und zuschauen mußt, wie andere um Punkte spielen."